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14.05.17

DIE GESCHICHTE DER LUXUSMEILE KUDAMM TEIL 5

In seiner mehr als 130jährigen Geschichte war der Kurfürstendamm mehr als nur eine erfolgreiche Einkaufsstraße auf der sich bekannte Modenamen wie Chanel, Gucci oder Hermès aneinanderreihen. Er ist ein Symbol. Ein lebendiges Stück deutscher Geschichte. Doch war er nicht immer Schaufenster des Westens: Er musste auch Hass, Fanatismus und Zerstörung ertragen. DER BERLINER MODE SALON erzählt im Rahmen einer Sonntagslektüre die Geschichte der bekanntesten Luxusmeile Deutschlands in einem sechsteiligen Beitrag.

 

Teil 5/6 – Die geteilte Stadt: Eine Episode (1961-1989)

 

“Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer ein!” – US-Präsident Ronald Reagan am 12. Juni 1987

 

Mit dem Bau der Mauer am 13. August 1961 verlor der Kurfürstendamm seine Funktion als moderne Alternative zur alten Mitte Berlins. Die Aufbruchsstimmung und der Selbstbehauptungswille, die das Lebensgefühl des Boulevards geprägt hatten, nutzten sich bald ab. Der Reiz des Neuen und die Konkurrenz zum vergleichsweise tristen Ost-Berlin hatte den Kurfürstendamm einst so attraktiv gemacht. Plötzlich wurde aus ihm das Zentrum und die Hauptschlagader des Westen.

Foto: Demonstration für Deserteure 1969, Quelle

Foto: Demonstration für Deserteure 1969, Quelle

Bis 1961 gab es weder offizielle Paraden noch Demonstrationen auf dem Kurfürstendamm. Dafür wurde bis zum Bau der Mauer die historisch gewachsene Mitte rund um den Platz der Republik oder das Brandenburger Tor genutzt. Der Kurfürstendamm wurde nun zur Bühne. Wer im Westen Aufsehen erregen, gesehen und gehört werden wollte, der ging auf den Boulevard. Den Anfang machten die US-Streitkräfte 1961, gefolgt von John F. Kennedy 1963 oder Queen Elisabeth II 1965. Demonstriert wurde von da an viel auf dem Kurfürstendamm unter anderem gegen Bildungsnotstand, Umweltverschmutzung, den Vietnam-Krieg, die Ermordung Martin Luther Kings oder die Besetzung der Tschechoslowakei. Die Auswirkungen der 68er Bewegung waren hier deutlich spürbar: „Lasst den Kuchen und die Sahne – nehmt euch eine rote Fahne!“ ließen Studentenbewegungen verlauten als sie das Publikum des Kurfürstendammcafés aufmischten. Das bekannteste Opfer dieser Entwicklung: Rudi Dutschke, Wortführer der Bewegung, der im April 1968 auf dem Ku´damm angeschossen und 1979 an den Spätfolgen starb. Im selben Jahr demonstrierten hier erstmals in Deutschland Homosexuelle beim Christopher Street Day für ihre Rechte, knapp zehn Jahre später zogen die ersten Raver im Zuge der Love Parade den Ku´damm entlang.

 

Mit Blick auf diese Episode, die wilden 60er, 70er und 80er Jahre, scheiden sich die Geister – in den Augen vieler kam es zum Abstieg des einst so avantgardistischen und kosmopolitischen Weltenboulevards. Das 1978 vom Stern publizierte Buch Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ zeigte schonungslos eine düstere Parallelwelt des Drogenkonsums, der Obdachlosigkeit, der Kriminalität und der Kinderprostitution.

 

Die kurze wirtschaftliche Blütezeit der Mode- und Konfektionszeit fand durch den Mauerbau ihr Ende. Übrig blieben einzig die Kaufhäuser und Boutiquen. Die Produktion aber verlagerten die Modehäuser ins Ausland oder stellten sie schlussendlich ganz ein. Zusätzlich entstanden moderne Großbauten gefördert durch staatliche Bauprogramme wie das Berlin-Gesetz oder das Berlinförderungssgesetz, die sich ganz bewusst versuchten von der traditionellen architektonischen Gestaltung abzusetzen.

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Das Kaufhaus des Westens 1970, Wollstadt, Roger: Quelle

 

Trotz all dem blieb der Ku´damm stets Ziel vieler ostdeutscher Wünsche und Sehnsüchte. Am 10. November 1989 feierten Ost und West gemeinsam in einem Rausch der Freiheit die Öffnung der Mauer und gleichzeitig das Ende der Teilung mit einer gigantischen Trabiparade auf dem Kurfürstendamm. Nach 28 Jahren war die Epoche der geteilten Stadt endlich zu Ende oder um es mit den Worten Willy Brands zu sagen: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört!“

 

Lesen Sie auch:

Teil 1/6: Wie alles begann

Teil 2/6: Entwicklungen in der Weimarer Republik (1919-1933)

Teil 3/6: Entwicklungen im Nationalsozialismus (1933-1945)

Teil 4/6: Wiederaufbau im Kalten Krieg

 

 

Hauptquelle: Karl-Heinz Metzger, Der Kurfürstendamm – Boulevard & Symbol, in: Berlin.de