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07.05.17

DIE GESCHICHTE DER LUXUSMEILE KUDAMM TEIL 4

In seiner mehr als 130jährigen Geschichte war der Kurfürstendamm mehr als nur eine erfolgreiche Einkaufsstraße auf der sich bekannte Modenamen wie Chanel, Gucci oder Hermès aneinanderreihen. Er ist ein Symbol. Ein lebendiges Stück deutscher Geschichte. Doch war er nicht immer Schaufenster des Westens: Er musste auch Hass, Fanatismus und Zerstörung ertragen. DER BERLINER MODE SALON erzählt im Rahmen einer Sonntagslektüre die Geschichte der bekanntesten Luxusmeile Deutschlands in einem sechsteiligen Beitrag.

 

Teil 4/6 – Wiederaufbau im Kalten Krieg

“Lipschitz hat das Wort geprägt, das in uns allen einen lebendigen Widerhall gefunden hat; er hat gesagt: “Wir kommen wieder!” Wir kommen wieder in den Ostsektor Berlins, wir kommen auch wieder in die Ostzone Deutschlands!(…) Das Volk von Berlin hat gesprochen. Wir haben unsere Pflicht getan, und wir werden unsere Pflicht weiter tun. Völker der Welt! Tut auch ihr eure Pflicht und helft uns in der Zeit, die vor uns steht (…) mit dem standhaften und unzerstörbaren Einstehen für die gemeinsamen Ideale, die allein unsere Zukunft und die auch allein eure Zukunft sichern können. Völker der Welt, schaut auf Berlin! Und Volk von Berlin, sei dessen gewiß, diesen Kampf, den wollen, diesen Kampf, den werden wir gewinnen!” – Auszug aus Ernst Reuters, gewählter Oberbürgermeister von Berlin, Rede am 9. September 1948 vor dem Reichstag

 

Berlin 1947, Beseitigung der Kriegsschäden: Quelle

Foto: Berlin 1947, Beseitigung der Kriegsschäden, Bundesarchiv: Quelle

 

Als die Waffen am 8. Mai 1945 endlich schwiegen, endlich verstummten, glich Berlin einem einzigen Trümmerfeld – kein Stein stand mehr auf dem anderen. Neben der Suche nach Lebensmitteln und Wohnraum, der Trümmerbeseitigung sowie dem Versuch des Wiederaufbaus stellte sich umgehend nach Kriegsende ein immenser Kultur- und Unterhaltungshunger seitens der Bevölkerung ein. In seinem ersten Erlass gestattete Stadtkommandant Generaloberst Bersarin ausdrücklich den Betrieb von Vergnügungsstätten. Bereits zwei Monate nach Kriegsende veranstaltete das Kabarett der Komiker ein Notprogramm und die Oper startete mit einem Ballettabend im Theater des Westens. In den Ruinen eröffneten Restaurants und vor dem Ruinen Straßencafés. Die Berliner und der Kurfürstendamm hatten ihre Lebensfreude nicht verloren oder um es mit den Worten von Marlene Dietrich zu sagen: “In den Ruinen von Berlin fangen die Blumen wieder an zu blüh´n und in der Nacht spürst du von allen Seiten einen Duft, als wie aus alten Zeiten!”

 

Da das historisch gewachsene Berlin in Schutt und Asche lag, entflammte der Wunsch die Stadt gänzlich neu zu gestalten, vor allem um von der nationalsozialistischen Vergangenheit Abstand zu gewinnen. Es entbrannte ein heftiger Streit um jene bauliche Neugestaltung, da die politische Zukunft Berlins zunächst noch völlig unklar war. Im Jahr 1950 folgten die Eröffnungen des Maisons de France mit dem Cinema Paris, des Modehaus Horn und des KaDeWes. Im Jahr darauf entstanden die ersten Neubauten darunter der Flachbau von Paul Schwebes mit dem allseits bekannten Kranzler-Eck.

 

Neben dem Kulturhunger verzerrten sich die Berliner nach internationaler Beachtung. Die höchst emotionale Rede, gar ein Hilferuf, des Oberbürgermeisters Ernst Reuter an die “Völker der Welt” verlieh diesem Bedürfnis Ausdruck. Dies gelang erstmals wieder mit den Filmfestspielen, die 1952 am Kurfürstendamm Premiere feierten und tausende Schaulustige magisch anzog.

 

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Foto: Internationale Filmfestspiele am Hotel am Zoo, 1955, Corner, Harry: Quelle

 

In den 1950er Jahren konnte man ein neues kurzes Aufbegehren der Modeindustrie rund um den Kurfürstendamm beobachten. Das lag zum einen daran, dass Berlins altes Mode- und Konfektionszentrum rund um den Hausvogteiplatz restlos zerstört war, zum andren daran, dass es die jüdischen Einzelhändler de facto nicht mehr gab. Bereits im Herbst 1945, nur wenige Monate nach Kriegsende, fand die erste Modenschau am Kurfürstendamm statt. Ein Jahr später existierten bereits 43 Modegeschäfte- und Firmen rund um den Boulevard. Im Jahr 1955 beherbergte das ECO-Haus eine Reihe an Konfektionsfirmen und zählte alleine 1000 Beschäftigte in der Bekleidungsindustrie. Diese kurze Blüte der Modeindustrie fand durch den Mauerbau 1961 ein jähes Ende.

 

Der reale Zustand des Kurfürstendamms zeigte aber am Ende der 50er Jahre noch etliche Spuren der Verwüstung über die auch die glanzvollen Internationalen Filmfestspiele nicht hinwegtäuschen konnten: Die Zeit des florierenden, glanzvollen und avantgardistischen Weltstadtboulevards der 20er Jahre war endgültig vorüber. Mit der Teilung Berlins jedoch und somit auch der Teilung Europas sowie der zunehmenden Eskalierung des Kalten Krieges wurde der Kurfürstendamm immer mehr zum politischen Symbol. Ein Symbol des Westens, ja eine Insel Westdeutschlands, mitten im Ostblock und das Symbol zweier Weltanschauungen, die unterschiedlicher nicht seien könnten.

 

Kurfürstendamm im Juli 1957, Pragher, Willi: Quelle

Foto: Kurfürstendamm im Juli 1957, Pragher, Willi: Quelle

 

Lesen Sie auch:

Teil 1/6: Wie alles begann

Teil 2/6: Entwicklungen in der Weimarer Republik (1919-1933)

Teil 3/6: Entwicklungen im Nationalsozialismus (1933-1945)

 

 

Hauptquelle: Karl-Heinz Metzger, Der Kurfürstendamm – Boulevard & Symbol, in: Berlin.de