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30.04.17

DIE GESCHICHTE DER LUXUSMEILE KUDAMM TEIL 3

In seiner mehr als 130jährigen Geschichte war der Kurfürstendamm mehr als nur eine erfolgreiche Einkaufsstraße auf der sich bekannte Modenamen wie Chanel, Gucci oder Hermès aneinanderreihen. Er ist ein Symbol. Ein lebendiges Stück deutscher Geschichte. Doch war er nicht immer Schaufenster des Westens: Er musste auch Hass, Fanatismus und Zerstörung ertragen. DER BERLINER MODE SALON erzählt im Rahmen einer Sonntagslektüre die Geschichte der bekanntesten Luxusmeile Deutschlands in einem sechsteiligen Beitrag.

 

Teil 3/6 – Entwicklungen im Nationalsozialismus (1933-1945)

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche 1936, Quelle

Foto: Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche 1936, Quelle

 

Eine Jammergestalt an Körper, Geist und körperlicher wie geistiger Haltung, der Typ des geiststreichelnden, entwurzelten, charakterlosen Intellektualisten vom Romanischen Café, eine Kurfürstendamm-Erscheinung.“ – Roland Freisler, Richter am Volksgerichtshof, über Widerstandskämpfer Adam von Trott zu Solz am 15. August 1944

 

Eben jene Symbolkraft und das damit einhergehende Gefühl der Freiheit war den aufstrebenden Nationalsozialisten ein Dorn im Auge. Der Kurfürstendamm war schließlich der Inbegriff des Liberalismus. Hass und Fanatismus kehrten nun auch hier ein. Bereits 1927 schickte Josef Goebbels mehr als 600 SA-Männer auf den Boulevard. Diese verprügelten Gäste des Romanischen Cafés und zerstörten das gesamte Mobiliar. Erich Kästner, dessen Werke keine sechs Jahre später auf dem Bebelplatz verbrannt werden sollten,  dazu: ” Auf beiden Straßenseiten standen Männer und schlugen mit Eisenstangen Schaufenster ein. Überall krachte und splitterte Glas. Es waren SS-Leute… Jedem schienen vier, fünf Häuserfronten “zugeteilt.”

 

Beim sogenannten Kurfürstendamm-Krawall von 1931, der ebenfalls noch in die Spätphase der Weimarer Republik fällt, kam es am Tag des jüdischen Neujahrsfests zu massiven Übergriffen auf Juden und “jüdisch aussehende” Passanten durch die SA. Antisemitische Parolen wie “Jude, verrecke!” oder “Schlagt die Juden tot!” hallten über den Kurfürstendamm und durch die angrenzenden Straßen Charlottenburgs. Friedrich Hussong, Chefredakteur der rechten Hugenbergpresse, publizierte 1933 sein Buch „Kurfürstendamm. Zur Geschichte des Zwischenreichs“. In diesem heißt es: „Der Kurfürstendamm zog sich mitten durch ganz Deutschland. Das war ein Kulturbegriff schlechthin geworden. In seinen Namen gefasst war… jede Fäulniserscheinung einer sich zersetzenden Gesellschaft… Der Kurfürstendamm ist heute besiegt und geschlagen.“

 

An den Fenstern jüdischer Geschäfte werden von Nationalsozialisten Plakate mit der Aufforderung "Deutsche, wehrt euch, kauft nicht bei Juden" angebracht. Quelle

Foto: An den Fenstern jüdischer Geschäfte werden von Nationalsozialisten Plakate mit der Aufforderung “Deutsche, wehrt euch, kauft nicht bei Juden” angebracht, Bundesarchiv, Pahl, Georg: Quelle

 

Am 9. November 1938 brannten die Nationalsozialisten die Synagoge in der Fasanenstraße nieder und zerstörten alle jüdischen Geschäfte systematisch. Es begannen die „Maßnahmen zur Ausschaltung des jüdischen Einzelhandels“ sowie „die systematische Arisierung des Einzelhandels“. Im Gegensatz zur historischen Mitte konnten die Geschäfte keinen langen Leerstand verzeichnen. Bereits 1939 waren sämtliche Lücken durch “arische” Nachmieter gefüllt.

 

Zerstörte Synagoge in der Fasanenstraße 1938, Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Fasanenstrasse_Synagogue

Foto: Zerstörte Synagoge in der Fasanenstraße 1938, FORTEPLAN, Lorincze, Judit: Quelle

 

Während der Kriegsjahre wurden der Gloria Palast, die Gedächtniskirche, das Romanische Café und alle benachbarten Wohn- und Geschäftshäuser zerstört. In den Lichthof des KaDeWe stürzte im November 1943 ein Kampfflugzeug was den kompletten Ausbrand des Gebäudes zur Folge hatte. Es folgten weitere unzählige Verwüstungen und Zerstörungen. Noch am 21. April 1945 wurde in einem „Befehl des Luftflottenkommandos 6“ der Kurfürstendamm als Startbahn für Kampfflugzeuge vorgesehen – bis zuletzt wurde Berlin sinnlos verteidigt.

 

Am 1. Mai 1945 eroberte die Rote Armee vom Wittenbergplatz aus den Auguste-Viktoria-Platz, den heutigen Breitscheidplatz. Somit fand der Zweite Weltkrieg auch am Kurfürstendamm sein Ende – von 235 Häusern waren einzig 43 bewohnbar, die übrigen 192 wurden komplett zerstört. Auch die Bevölkerung des zerschlagen Boulevards war nach Ende des Krieges eine andere geworden – alleine 55.000 Berliner Juden fielen dem Regime zum Opfer. Mit der Ermordung der Juden, die die Strahlkraft und das Erscheinungsbild maßgeblich geprägt hatten, starben auch Kreativität, Freiheit, Freizügigkeit, Provokation, Kommerz und Kosmopolitismus, ja der alte Geist des Kurfürstendamms einen grausamen Tod.

Blick von der Tauentzienstraße auf die im II. Weltkrieg zerstörte Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Auguste-Viktoria-Platz 1945

Foto: Blick von der Tauentzienstraße auf die im II. Weltkrieg zerstörte Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Auguste-Viktoria-Platz 1945, Bundesarchiv, Donath, Otto: Quelle

 

 

Lesen Sie auch:

Teil 1: Wie alles begann

Teil 2: Entwicklungen in der Weimarer Republik

 

Hauptquelle: Karl-Heinz Metzger, Der Kurfürstendamm – Boulevard & Symbol, in: Berlin.de